Fakten-Check
Millionen Tote? So sicher war die Corona-Impfung wirklich
So heißt es in einem Post in den sozialen Medien, durch die Impfung seien weltweit 17 Millionen Menschen verstorben . Das soll eine Studie beweisen. Außerdem wird ein Anstieg an Menschen mit Behinderung um 23 Prozent in den USA mit der Covid-Impfung in Verbindung gebracht .
Einschätzung: Die Behauptung, dass die Impfung zu 17 Millionen Todesfällen geführt habe, ist falsch. In der als Beleg angeführten Studie wird die Übersterblichkeit durch die Krankheit der Impfung zugeschrieben. Die Anzahl der Menschen mit Behinderung in den USA ist hingegen tatsächlich um 23 Prozent gestiegen, allerdings begann der Trend schon, bevor Impfungen überhaupt großflächig verfügbar waren. Zudem ist die Sicherheit der Impfungen vielfach belegt.
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Überprüfung: Die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfungen von Covid-19 sind in vielen Einzel- und Überblicksstudien sehr gut belegt. Trotzdem gibt es Menschen, die weiterhin daran zweifeln. Eine Faktenbasis hat das allerdings oft nicht, denn angebliche Studien, die übermäßige Sterblichkeitsraten oder Erkrankungen der Impfung zuschreiben, haben meist gravierende Fehler. Dass zudem eine zeitliche Korrelation (zwei Ereignisse passieren gleichzeitig oder nacheinander) nicht unbedingt eine kausale Korrelation (ein Ereignis ist die Ursache für das andere) sein muss, zeigen diese beiden Beispiele.
Hauptautor in Ungnade gefallener Physikprofessor
Die Studie, die 17 Millionen durch die Covid-Impfungen ausgelöste Todesfälle weltweit aufgedeckt haben will, trägt den Titel "Covid-19 vaccine-associated mortality in the Southern Hemisphere" (Covid-19-impfstoffbedingte Sterblichkeit in der südlichen Hemisphäre). Sie war bereits mehrfach Gegenstand von Faktenchecks . Hauptautor ist Denis Rancourt, ein ehemaliger Professor der Universität Ottawa, der unter Vorwürfen akademischen Fehlverhaltens gekündigt wurde . Rancourt war Physiker, kein Epidemiologe, und hat in seiner akademischen Laufbahn vor allem zu Metallen veröffentlicht. Darüber hinaus betrieb er schon 2005 einen Blog, in dem er Thesen zum Klimawandel äußerte, die sich gegen den wissenschaftlichen Konsens richteten. Die Blogbeiträge liegen der APA vor.
In der Studie heißt es, man habe die Sterberaten von 17 Ländern der Südhalbkugel analysiert und die Ergebnisse dann auf die gesamte Welt hochgerechnet. Rancourt und drei weitere Personen behaupten, dass pro 800 Impfdosen eine Person zu Tode gekommen sei, weltweit also insgesamt 17 Millionen Menschen. Es sei "unwahrscheinlich", schreiben sie weiter, dass die hohe Übersterblichkeit "irgendeinen anderen Grund hätte als die Impfungen".
Studie "entstellt tatsächliche Daten"
Renommierte Forschende kritisieren das Papier: Rancourt ignoriere die Existenz von Covid als Erkrankung und rechne damit die überzähligen Todesfälle in seinem Untersuchungszeitraum gänzlich der Impfung zu. Er vertrat schon mit Beginn der Covid-Pandemie in seinem Blog die Auffassung, Masken würden die Übertragung nicht hemmen, und leugnete die Pandemie für Kanada sogar ganz.
Der US-Infektiologe Amesh Adalja vom Johns Hopkins Center für Gesundheitssicherheit wies schon 2023 auf dpa-Anfrage die Behauptung, die Übersterblichkeit sei eine Folge der Impfung und nicht der Erkrankung, zurück: "Die überzähligen Todesfälle folgen den Covid-Wellen, die wiederum Impfwellen auslösen. Das ist ein Phänomen, das in dem Paper umgangen wird." Es handele sich dabei weiters um eine "Entstellung der tatsächlichen Daten". Die angebliche Studie ist zudem keinem "peer-review"-Verfahren, also einer wissenschaftlichen Qualitätssicherung, unterzogen und wurde auch in keinem vertrauenswürdigen Journal veröffentlicht.
Mehr berichtete Behinderungen
Auch die zweite Behauptung stellt einen Zusammenhang zur Covid-Impfung her. Diesmal zwischen ihr und einem Anstieg an selbstberichteten Behinderungen in den USA. Die Zahlen, die im Post genannt werden, scheinen aus der Current Population Survey (CPS) aus den USA zu stammen und stimmen . Tatsächlich sind sie seit Anfang 2021 um 23 Prozent angestiegen . Das kann den Anschein erwecken, dass die Impfungen der Grund für den Anstieg gewesen wären. Erweitert man den Rahmen jedoch etwas und schaut sich die Zeit vor der Impfung an, bietet sich aber ein anderes Bild.
Die Zahl der Behinderungen, die über die CPS erfasst wurden, hat nämlich schon seit Messbeginn stark fluktuiert: von 2010 bis 2015 stieg sie, pendelte sich dann zwischen 2015 und 2020 leicht über der 30-Millionen-Marke ein und sank mit Beginn der Corona-Pandemie kurz rapide. Danach stieg sie relativ stark an - nicht aber, wie im Post insinuiert, mit Verfügbarwerden der Impfung, sondern schon ab Juli 2020. Zu diesem Zeitpunkt gab es eine erste Covid-Infektionswelle in den USA (13). Die zeitliche Korrelation besteht also nicht mit der Impfung, sondern mit der Covid-Erkrankung.
"Life Hack": Graphen vergleichen
Auch die Übersterblichkeit in der südlichen Hemisphäre lässt sich mit Blick auf einen Graphen, den der Biostatistiker Dr. Jeffrey Morris im Kurznachrichtendienst "X" gepostet hat , viel besser mit der Covid-Erkrankung als der Impfung verbinden. In den meisten der 17 untersuchten Länder erreicht nämlich erst die Mortalitätskurve ihren Höhepunkt und danach die für die Impfungen. Rancourt habe zudem ignoriert, so Morris weiter, dass sich die Übersterblichkeit "überwiegend in den Zeiträumen gehäuft hat, in denen das jeweilige Land einen massiven Anstieg an bestätigten Covid-19-Fällen und an Covid-19-bedingten Todesfällen zu verzeichnen hatte".
"Life Hack": Störvariablen ausschließen
Rancourt hätte neben der Erkrankung eine ganze Reihe weiterer Faktoren einrechnen müssen, die Einfluss auf die Übersterblichkeit haben könnten, etwa den Impfstatus der Verstorbenen, die Auswirkungen der Isolation, verschobene Vorsorgeuntersuchungen oder gar Kriege im untersuchten Land . Solche Methoden würde "kein Experte im Feld akzeptieren" , schreibt Jeffrey Morris.
"Rosinenpicken" heißt es, wenn Forschende gezielt Fälle untersuchen, die zu einem von ihnen favorisierten Ergebnis führen. Auch das wird Rancourt vorgeworfen. "Sie schließen mehrere 'Zero-Covid'-Länder ein, zum Beispiel Singapur und Neuseeland. Dort gab es harte Lockdowns, die die Verbreitung von Covid verhindert haben", schreibt etwa Oliver Watson , Gastwissenschaftler am Lehrstuhl für öffentliche Gesundheit am Imperial College London auf Anfrage der AFP.
Da allerdings keine komplette Durchimpfung erreicht worden sei und die Impfungen auch nicht hundertprozentig gegen eine Ansteckung schützen würden, kam es nach Lockerung zu hohen Mortalitätsraten im Vergleich zu den vorherigen Monaten, heißt es von Watson weiter. Wenn man das nicht in die Rechnung einbezieht, verstärkt sich der scheinbare Effekt, den die Impfung auf die Sterblichkeitsrate gehabt haben soll.
Noch keine Studien zur Kausalität
Hinweise zu anderen Erklärungsansätzen für die gestiegenen Behinderungszahlen finden sich in den CPS-Daten: von 2019 bis 2024 sind vor allem die kognitiven bzw. emotionalen Einschränkungen gestiegen, die sinnesbezogenen (wie etwa Blindheit oder Gehörlosigkeit) hingegen nur leicht und die körperlichen sind sogar gesunken. Einer Studie zufolge hat der Trend, dass kognitive Behinderungen bei jungen US-Erwachsenen zwischen 18 und 39 Jahren steigen, allerdings schon 2016 begonnen. Ein Autor der Studie mutmaßt, dass dies etwa an einer gestiegenen Bereitschaft, eine Einschränkung anzugeben oder einer Unterdiagnostizierung liegen könnte .
Auch Covid oder die Maßnahmen gegen die Pandemie können Auswirkungen haben. Die Symptome von Long Covid etwa beinhalten Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten ("brain fog") oder einen Abfall der Leistungsfähigkeit (23). Menschen mit Long Covid berichten häufiger auch von anderen Beeinträchtigungen (24). Und auch Depressionen werden mit der Pandemie in Verbindung gebracht . In den USA stieg laut Gesundheitsbehörde CDC die Depressionsrate bei Menschen ab zwölf Jahren zwischen 2013 und 2023 um fast fünf Prozent an (26). Eine genaue Ursächlichkeit dieser Faktoren ist allerdings noch nicht bewiesen.
"Disabilities" werden in den USA breiter gebraucht als hierzulande
Die Current Population Study (CPS) wird vom US-Arbeitsministerium mit dem Ziel in Auftrag gegeben, Erkenntnisse über den Arbeitsmarkt zu liefern. Die Zahlen zu Behinderung genügen also keinen klinischen Kriterien. Vielmehr handelt es sich hier um Selbstberichtsdaten, die in der Gesundheitsforschung als verzerrungsanfällig gelten. Die Fragen sind zudem sehr generell gehalten, es wird nicht nach diagnostizierten Behinderungen oder dem Behinderungsgrad gefragt. Deswegen müsste die korrekte Übersetzung für "disability", wie sie die CPS abfragt, vermutlich eher "Beeinträchtigung" oder "Einschränkung" heißen.
Wissenschaftlicher Konsens: Impfungen sind sicher
Letztlich gibt es einen breiten wissenschaftlichen Konsens, dass Impfungen sicher sind und das Risiko, an Covid zu erkranken, signifikant verringern. Eine Studie, die im renommierten Fachjournal "The Lancet" veröffentlicht wurde, schätzt, dass die Covid-Impfungen allein im ersten Pandemiejahr etwa 14,4 Millionen Menschenleben gerettet haben im Vergleich zu ohne Impfung. Seriöse Untersuchungen zu einem Zusammenhang zwischen den Impfungen und einer Zunahme von Behinderungen finden sich hingegen nicht. Das deutsche Paul-Ehrlich-Institut, das dort für dich Zulassung und Sicherheit von Arzneimitteln verantwortlich ist, stellt keine Häufung von Todesfällen in Verbindung mit der Impfung fest.
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