Erfahrungsbericht
Berlin Marathon: Bei 38 km scheiterte ich in Wien – in Berlin passierte das
Durch Zalando, einen der Sponsoren des Berlin-Marathons, bekam ich die Möglichkeit, in Berlin noch einmal über 42,195 Kilometer an den Start zu gehen und nach meinem abgebrochenen Marathon in Wien wollte ich diese zweite Chance unbedingt nutzen.
Das Erste, was man als Läuferin am Marathonmorgen macht? Auf die Wetter-App schauen. Für Berlin waren im Laufe des Tages rund 24 Grad angesagt, teilweise sogar etwas mehr. Nicht gerade die Temperaturen, die man sich für 42,2 Kilometer wünscht. Vor allem dann nicht, wenn man, wie ich, bei Wärme gerne einmal überhitzt.
Also war meine erste mentale Vorbereitung ziemlich simpel: trinken. Und zwar bevor ich Durst bekomme. Denn wenn man beim Marathon erst dann anfängt, Flüssigkeit nachzuschütten, wenn der Körper danach schreit, kann es bereits zu spät sein.
12 Grad am Start, um die 25 Grad im Ziel?
Das nächste große Marathonproblem: Was zieht man an? Am Start hatte es ungefähr 12 Grad. Später sollte es deutlich wärmer werden. Viele Läufer:innen greifen deshalb zu einem alten Pullover oder Shirt, das sie vor dem Start tragen und später für die Kleiderspende abgeben können. Ich hatte leider keinen alten Pullover dabei. Vergessen. Also mussten Armlinge reichen. Und siehe da: Von der Kälte her ging es eigentlich erstaunlich gut.
Die Toilettensituation war ebenfalls gut organisiert, allerdings waren die Schlangen lang. Rund 20 Minuten wartete ich, bis ich endlich an der Reihe war. Danach blieb nicht mehr wahnsinnig viel Zeit. Also noch schnell Aufwärmen. Lauf-ABC und die Wade mobilisieren. Die hatte sich in der Woche davor noch etwas beleidigt gezeigt. Und dann ging es auch schon Richtung Start. Offizieller Start meines Blocks: 9:33 Uhr. Über die Startlinie lief ich um 9:42 Uhr.
Berlin, du bist komplett irre
Die ersten Kilometer waren einfach nur geil. Morgens war es noch angenehm kühl, aber man merkte relativ schnell, dass die Temperaturen steigen würden. Zum Glück war die Strecke darauf ziemlich gut vorbereitet. Entlang der Strecke gab es immer wieder Wasserstationen und sogar Feuerwehr-Duschen, durch die man laufen konnte. Ich habe jede einzelne mitgenommen. Wasser über den Kopf, Wasser in den Nacken, einmal komplett durch die Dusche, völlig egal. Wenn irgendwo eine Abkühlung auftauchte, war ich dabei. Und ganz ehrlich: Das ist ein Gamechanger.
Ich neige dazu, bei Wärme relativ schnell zu überhitzen. Deshalb habe ich versucht, meinen Körper so lange wie möglich kühl zu halten. Die größere Herausforderung waren teilweise die Menschenmassen. Berlin ist voll. Sehr voll. Man läuft ständig jemandem hinterher, muss ausweichen, abbremsen, wieder beschleunigen, eine Lücke suchen und überholen. Das kostet Kraft. Aber trotzdem fühlte ich mich unglaublich gut.
Mein Plan: Bloß nicht zu früh schneller werden
Mein Ziel waren 3:45 Stunden. Dafür musste ich ungefähr eine Pace von 5:20 Minuten pro Kilometer laufen. Mein Plan war deshalb ziemlich simpel: Die ersten 35 Kilometer wollte ich knapp unter 5:20 bleiben. Nicht überpacen, nicht von der Stimmung mitreißen lassen und nicht plötzlich glauben, ich müsste jetzt schon auf Bestzeit laufen.
Nach 35 Kilometern wollte ich schauen, was mein Körper noch hergibt. Die ersten 25 Kilometer waren trotzdem ein einziges Highlight. Die Stimmung an der Strecke war enorm. Menschen standen auf den Straßen, auf Balkonen lief Techno, überall waren Schilder und Rufe. Teilweise war die Atmosphäre so elektrisierend, dass man fast vergessen hat, dass man gerade einen Marathon läuft. Irgendwann musste ich sogar einem meiner Lauf-Freunde schreiben, der ziemlich neidisch gewesen war, dass ich in Berlin starten durfte: "Es ist so geil hier." Und das war es wirklich.
Mein Pacemaker und ich
Besonders geholfen haben mir die Pacemaker. Ich habe mich stark an ihnen orientiert. Hin und wieder habe ich sie aus den Augen verloren, dann wieder gefunden. Am Anfang waren wir noch eine kleine Gruppe, die gemeinsam hinter ihnen hergelaufen ist. Doch je länger das Rennen dauerte, desto kleiner wurde die Gruppe. Irgendwann waren es deutlich weniger Läufer:innen. Und ab ungefähr Kilometer 30 waren plötzlich nur noch ein Pacemaker und ich übrig.
Wir sind gemeinsam weitergelaufen. Immer dieselbe Pace, immer weiter Richtung Ziel. Das war tatsächlich unglaublich motivierend. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich mit meinem Ziel nicht alleine bin. Bis Kilometer 39 sind wir gemeinsam gelaufen.
Dann kamen die Krämpfe
Bei Kilometer 34 meldeten sich plötzlich meine Waden. Ich bin normalerweise Vorderfußläuferin. Also habe ich sofort versucht, meinen Laufstil etwas zu verändern und bin auf den Mittelfuß gewechselt. Dadurch konnte ich die Muskulatur etwas entlasten und meine Pace trotzdem halten. Zusätzlich habe ich noch ein Gel genommen, um sicherzugehen, dass mir die Energie nicht ausgeht.
Aber eines war ab diesem Moment klar: Schneller werde ich nicht mehr. Mein Ziel war jetzt nicht mehr, noch Zeit herauszuholen. Ich wollte meine Pace halten und vor allem verhindern, dass aus den Krämpfen ein echtes Problem wird. Denn gespürt habe ich sie die ganze Zeit. Es war ein bisschen wie ein Damoklesschwert über meinem Kopf: Bitte werde jetzt nicht schlimmer. Bitte mach einfach noch acht Kilometer mit.
Kilometer 36 und plötzlich fehlen mir die Schilder
Und dann kam etwas, das eigentlich völlig banal ist, sich in einem Marathon aber plötzlich ziemlich dramatisch anfühlt: Ich sah drei Kilometer lang kein Kilometerschild. Bei Kilometer 36 hatte ich das letzte gesehen. Danach: nichts. Und plötzlich fängt der Kopf an zu arbeiten. Bin ich noch in meiner Pace? Wie weit ist es wirklich? Schaffe ich das Tempo? Ist das der längste Kilometer meines Lebens? Dann endlich: Kilometer 39. Es waren doch ganze drei Kilometer und nicht nur einer. Was für eine Erleichterung.
Ich schaute meinen Pacemaker an. "Wir haben's gleich geschafft." Und dann habe ich tatsächlich noch einmal ein bisschen beschleunigt und ihn zurückgelassen. Von ungefähr 5:17 auf 5:14 Minuten pro Kilometer. Mehr ging nicht. Aber mehr musste auch nicht. Die letzten drei Kilometer habe ich nur noch gegrinst. Denn jetzt wusste ich: Ich schaffe es. Nach Kilometer 39 war es eigentlich nur noch ein Countdown.
42,2 Kilometer. Ich hatte es fast geschafft. Und plötzlich war da dieses Gefühl, das ich mir in den vergangenen vier Monaten so oft vorgestellt hatte: Ich werde diesen Marathon beenden. Nicht bei Kilometer 38 stehen bleiben. Nicht aufgeben. Nicht erbrechen. Nicht aussteigen. Einfach weiterlaufen.
3:45 war das Ziel. Es wurden 3:42.
Mein Ziel waren 3:45 Stunden. Am Ende stand auf meiner Uhr: 3:42 Stunden. Ich war damit 2:21 Minuten schneller als meine angegebene Zielzeit. Damit hatte ich selbst nicht gerechnet. Im Ziel musste ich erst einmal kurz würgen. Mein Magen hatte nach 42,2 Kilometern offensichtlich endgültig genug.
Eigentlich hätte ich in diesem Moment gerne geweint. Das Problem: Ich hatte offenbar kein Wasser mehr im Körper. Also wurde aus dem emotionalen Heulen eher ein trockenes Schluchzen. Aber da war vor allem eine Erkenntnis: Ich hatte es geschafft. Vor ein paar Monaten war ich in Wien bei Kilometer 38 zusammengebrochen. Genau vier Kilometer vor dem Ziel.
Jetzt stand ich nach 42,2 Kilometern in Berlin im Ziel. 3:42. Und plötzlich war klar: Ich kann es. Ich hatte monatelang darauf hingearbeitet. Ich hatte meinen Körper getestet, meine Energieversorgung trainiert, meine Pace gelernt und immer wieder genau diesen Moment vor Augen gehabt. Nach dem Debakel in Wien war Berlin deshalb für mich mehr als nur ein Marathon. Es war der Beweis, dass ich es schaffen kann.
Und diesmal hatte ich alles richtig gemacht.
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