Süß, aber tödlich
Wiener Biologe entdeckt verschollenen Gift-Affen nach 90 Jahren wieder
Lange Zeit galt der Bangka-Plumplori in der Fachwelt als unwiederbringlich ausgestorben. Nun belegt eine neue wissenschaftliche Untersuchung unter Beteiligung des Wiener Haus des Meeres, dass der kleine Primat mit dem giftigen Biss nach fast 90 Jahren Abwesenheit aus den Lehrbüchern noch immer auf einer indonesischen Insel überlebt hat.
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Seit dem Jahr 1937 gab es keinen gesicherten wissenschaftlichen Nachweis mehr über die Existenz des Bangka-Plumploris (Nycticebus bancanus). Die internationale Naturschutzorganisation Re:wild führte den nachtaktiven Baumbewohner deshalb auf ihrer Liste der fünf meistgesuchten verschollenen Primaten weltweit. Umso bemerkenswerter ist die aktuelle Publikation eines gemeinsamen Forschungsteams aus Wien und Indonesien in der renommierten Fachzeitschrift "Spixiana". Wie auch das Wissenschaftsportal "Spektrum" berichtet, war die Art keineswegs ausgestorben – sie war lediglich aus dem Blickfeld der westlichen Fachliteratur verschwunden.
Den Schlüssel zur Aufklärung lieferten Aufzeichnungen der Tierrettungsstation Alobi Wildlife Rescue Center nahe der Inselhauptstadt Pangkal Pinang auf Bangka. Zwischen 2015 und 2025 retteten die Tierschützer vor Ort mehr als 90 Exemplare dieser seltenen Tierart. 86 von ihnen konnten nach ihrer Versorgung wieder erfolgreich in geschützten Gebieten ausgewildert werden.
Wiener Biologe bringt die Recherche ins Rollen
Die wissenschaftliche Aufarbeitung nahm ihren Anfang auf der indonesischen Nachbarinsel Java. Dort wies Naturschützer Jochen Menner von der Zuchtstation Taman Safari Prigen den Biologen Timon Glaw vom Haus des Meeres in Wien auf die Dokumentation der Auffangstation hin. Daraufhin wurden sämtliche indonesische Datenblätter sorgfältig übersetzt, Rettungseinsätze ausgewertet und Fundorte per Google Earth lokalisiert sowie direkt im Gelände überprüft.
Für insgesamt 43 gerettete Tiere ab dem Jahr 2021 liegen detaillierte Protokolle zu den Fundumständen vor:
- 16 Tiere hatten sich direkt in Wohnhäuser oder Gärten verirrt
- 7 Exemplare wiesen schwere Verbrennungen auf, die auf Stromschläge an Freileitungen zurückzuführen waren
- 6 Plumploris wurden direkt von befahrenen Straßen gerettet
- 1 Einzeltier wurde auf frischer Tat beim Guavenfressen in einem Obstgarten ertappt
- 1 Tier saß auf der offenen Ladefläche eines Pick-ups, der von einer Bananenplantage kam
Einzigartiger Giftbiss schützt nicht vor Zerstörung des Lebensraums
Plumploris nehmen im gesamten Tierreich eine absolute Sonderstellung ein: Sie sind die einzigen Primaten weltweit, die über einen giftigen Biss verfügen. Das Toxin entsteht dabei nicht direkt in einer Giftdrüse im Kiefer. Stattdessen sondern die Tiere an einer Drüse an der Innenseite ihres Oberarms ein Sekret ab, lecken dieses ab und vermischen es im Maul mit ihrem Speichel. Ein Biss löst extrem schmerzhafte Schwellungen aus und kann lebensgefährliche allergische Reaktionen verursachen.
Gleichzeitig wird den Tieren ihr Äußeres mit dem rotbraunen Fell und der markanten hellen Gesichtsmaske zum Verhängnis:
- Illegaler Haustierhandel: Trotz strengem Artenschutz sind die Primaten begehrte Statussymbole
- Quälende Prozeduren: Wilderern schneiden oder reißen den Tieren die Zähne aus, was zu tödlichen Infektionen führt
- Historischer Zinnabbau: Seit über 300 Jahren wird auf Bangka Bergbau betrieben
- Zersiedelung: Ausgedehnte Palmölplantagen verdrängten seit 1932 nahezu den gesamten ursprünglichen Regenwald
Forscher fordern sofortige Schutzprogramme
"Dass wir den Bangka-Plumplori zurück auf die Bildfläche gebracht haben, ist aber nur der erste Schritt", hielt Biologe Glaw im Wissensmagazin "Forschung und Wissen" fest. Wie viele Tiere heute tatsächlich noch in den verbliebenen Waldinseln existieren, ist völlig unklar, da es bisher keine systematischen Bestandszählungen oder genetische Untersuchungen gibt. Die Studienautoren drängen daher auf ein sofortiges Schutzprogramm auf Bangka sowie auf gezielte Nachzuchtprogramme bei Alobi und in der Zuchtstation Taman Safari Prigen, um das Überleben der Art langfristig abzusichern.
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