Autobörsen

Online-Riese Amazon startet Autoverkauf

Gelbes Amazon-Regal mit Paket und der Zahl 50 in einem Versandzentrum in Deutschland.
© APA/AFP/INA FASSBENDER
Der US-Handelsriese Amazon bereitet offenbar seinen großflächigen Einstieg in den europäischen Automarkt vor. Für Autohändler und Kunden könnte dieser Schritt eine radikale Wende im von hohen Gebühren geprägten Plattformgeschäft bedeuten.
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Mit einer gezielten Stellenausschreibung in Großbritannien sorgt der weltgrößte Online-Händler für erhebliche Unruhe in der europäischen Automobilbranche. Amazon sucht derzeit nach einem Key Account Manager, der das Geschäft mit Fahrzeugen von Grund auf entwickeln und strategische Partnerschaften mit Vertragshändlern etablieren soll. Die Aufgabenstellung umfasst die aktive Mitgestaltung beim digitalen Autokauf sowie die Implementierung maßgeschneiderter Vermarktungslösungen.

Die Konkurrenz schlägt bereits Alarm: Autotrader, die führende Gebrauchtwagenplattform im Vereinigten Königreich und strukturelles Vorbild für viele europäische Börsen, sieht in dem US-Konzern eine ernste Bedrohung. Im aktuellen Geschäftsbericht warnt das Management seine Aktionäre ausdrücklich: Große Tech-Giganten drängen weiter in Mobilitätsbereiche. Man rechne fest damit, dass Amazon schon bald Fahrzeuge im Vereinigten Königreich listen und damit als neuer, finanzkräftiger Mitbewerber auftreten wird.

Großbritannien als Brückenkopf für ganz Europa

Die Wahl des Einstiegsmarktes folgt einer bewährten wirtschaftlichen Logik. Das Vereinigte Königreich dient internationalen Konzernen traditionell als Testfeld und Einfallstor für den gesamten Kontinent. Der Markt ist technologieaffin, klar umrissen und offen für neue Konsummodelle. Auf demselben Weg feierten zuletzt asiatische Autobauer enorme Erfolge:

  • Die chinesische Marke Jaecoo könnte mit dem Modell 7 heuer zum meistverkauften Fahrzeug in Großbritannien aufsteigen.
  • Auf europäischer Ebene erreichten chinesische Hersteller im September einen beachtlichen Marktanteil von knapp 15 Prozent und ließen damit japanische Mitbewerber erstmals hinter sich.

Die Abwehrschlacht der Platzhirsche und der Vormarsch der KI

Die etablierten Gebrauchtwagenportale rüsten sich intensiv für das drohende Duell mit dem US-Giganten. Marktführer Mobile.de hat sich nach der Freigabe durch das deutsche Bundeskartellamt die Carwow-Tochter gesichert. Der größte Rivale, Autoscout24, hat sich unter der Holding Autonex neu formiert und investiert massiv in künstliche Intelligenz.

Autonex-Finanzchef Coram Williams verweist darauf, dass bereits rund 20 Prozent aller Händleranfragen auf KI-gestützten Fahrzeugempfehlungen beruhen – Tendenz steil steigend. Die Technologie übernimmt dabei die Vorabqualifizierung der Interessenten: Sie fragt Telefonnummern, Erreichbarkeitsfenster und konkretes Finanzierungsinteresse ab, um den Autohäusern zeitaufwendige Nachfassaktionen zu ersparen. Williams betont die Kombination aus Echtzeitdaten und Algorithmen und forciert zudem den bislang stark zersplitterten, grenzüberschreitenden B2B-Handel zwischen Händlern in Europa.

Händler hoffen auf Preisdruck auf das Duopol

Im stationären Autohandel wird der Vorstoß von Amazon mit Spannung und Erleichterung zugleich beobachtet. Bislang dominieren zwei Anbieter das Geschäft, wobei Mobile.de mit großem Abstand vorn liegt. Burkhard Weller, geschäftsführender Gesellschafter der Weller-Gruppe und Präsident des Händlerverbands VAD, stellt fest:

  • Über 70 Prozent aller digitalen Kundenanfragen kommen nach wie vor über Mobile.de.
  • Autoscout24 rangiert bundesweit klar auf dem zweiten Platz.
  • Die Händler leiden unter den enormen Gebühren der Platzhirsche und hoffen auf Entlastung.

Weller sieht im Markteintritt von Amazon eine echte Chance, das bisherige Monopol aufzubrechen. Es sei den Autohäusern letztlich einerlei, wer den Erstkontakt herstelle – gekauft werde das Fahrzeug schlussendlich direkt im Autohaus. Wenn Mobile.de durch Amazon gezwungen werde, in einen echten Preiswettbewerb einzusteigen, sei dies der gesamten Branche herzlich willkommen.

Scheitert der Gigant oder fällt das Duopol?

In der Vergangenheit haben sich bereits zahlreiche kapitalkräftige Angreifer an den verkrusteten Strukturen der Online-Automärkte die Zähne ausgebissen:

  • Heycar verbrannte trotz eines dreistelligen Millioneninvestments des Volkswagen-Konzerns viel Geld.
  • Instamotion schlitterte trotz der Unterstützung des Versicherungskonzerns Allianz in die Insolvenz.
  • Alles.Auto der großen AVAG Holding kam über die Anfangsphase nicht hinaus.

Ob Amazon dank seiner enormen Reichweite und Kundennähe das bestehende Duopol tatsächlich knacken kann, wird sich in den kommenden Monaten an den ersten Pilotprojekten in Großbritannien entscheiden.

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