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"Cortisolmaxxing": Wenn Entspannung zur Pflicht wird

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Tageslicht statt Handy, dazu die perfekte Anti-Stress-Routine: Jetzt wird sogar unser Stresshormon optimiert. Doch was steckt hinter Cortisolmaxxing – und wann wird Selbstfürsorge selbst zum Stress?
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Wer sich auf TikTok oder Instagram mit Gesundheit und Wellness beschäftigt, stößt zunehmend auf Tipps rund um Cortisol. Das Hormon gilt in vielen Beiträgen als vermeintlicher Übeltäter für schlechten Schlaf, Erschöpfung oder hartnäckiges Bauchfett. Die Lösung soll eine optimierte Morgenroutine sein: ausreichend schlafen, spazieren gehen, Atemübungen machen und den Tag möglichst entspannt beginnen.

Vieles davon klingt sinnvoll. Problematisch wird es allerdings, wenn aus einfachen Gewohnheiten ein starres Regelwerk wird, das jede Minute des Tages optimieren soll.

Was steckt hinter dem Cortisolmaxxing-Trend?

Cortisolmaxxing bezeichnet einen Social-Media-Trend, bei dem Menschen versuchen, ihren Stresshormonhaushalt durch bestimmte Routinen positiv zu beeinflussen. Dazu gehören etwa Tageslicht direkt nach dem Aufstehen, regelmäßige Bewegung, genügend Schlaf und bewusste Pausen.

Manche Influencer empfehlen zusätzlich sogenannte "Cortisol-Cocktails". Diese enthalten beispielsweise Elektrolyte, Vitamin C oder Magnesium und werden mit angeblichen Effekten auf Stresshormone und die Nebennieren beworben.

Für die Behauptung, solche Getränke könnten bei gesunden Menschen einen erhöhten Cortisolspiegel einfach regulieren, fehlen jedoch überzeugende wissenschaftliche Belege. Auch die Vorstellung, jeder Mensch müsse sein Cortisol möglichst weit senken, greift zu kurz.

Das Stresshormon ist lebenswichtig

Cortisol hat einen schlechten Ruf – zu Unrecht, wenn man das Hormon grundsätzlich als Feind betrachtet. Es hilft dem Körper, Energie bereitzustellen, und spielt unter anderem bei Stoffwechsel, Blutdruck und Entzündungsreaktionen eine Rolle.

Außerdem folgt der Cortisolspiegel einem natürlichen Tagesrhythmus. Nach dem Aufwachen steigt er bei vielen Menschen innerhalb der ersten 30 bis 45 Minuten noch einmal deutlich an. Diese sogenannte Cortisol-Aufwachreaktion ist ein normaler Vorgang und hilft dem Körper, sich auf die Anforderungen des Tages einzustellen.

Ein morgendlicher Cortisolanstieg ist daher nicht automatisch ein Zeichen von zu viel Stress. Es geht nicht darum, das Hormon ständig möglichst niedrig zu halten, sondern um ein funktionierendes Zusammenspiel im Körper.

Bauchfett und Müdigkeit sind kein Cortisol-Test

In sozialen Medien wird Cortisol häufig als Erklärung für unterschiedlichste Beschwerden herangezogen. Wer sich müde fühlt, schlecht schläft oder am Bauch zunimmt, soll demnach möglicherweise einen zu hohen Cortisolspiegel haben.

So einfach ist es nicht. Ein krankhafter Cortisolüberschuss kann zwar körperliche Veränderungen wie eine Gewichtszunahme am Rumpf oder ein rundlicheres Gesicht verursachen. Solche Symptome können beispielsweise beim seltenen Cushing-Syndrom auftreten. Müdigkeit oder Bauchfett allein beweisen aber keinen erhöhten Cortisolspiegel.

In sozialen Medien wird Cortisol häufig als Erklärung für unterschiedlichste Beschwerden herangezogen. © Getty Images

Auch die medizinische Abklärung eines möglichen Hormonüberschusses ist komplex. Ein einzelner Laborwert lässt sich nicht unabhängig von Tageszeit, Beschwerden und weiteren Untersuchungsergebnissen beurteilen. Wer über längere Zeit gesundheitliche Probleme hat, sollte sie daher ärztlich abklären lassen, anstatt sich anhand von Social-Media-Checklisten selbst eine Diagnose zu stellen.

Wenn Entspannung zur Pflicht wird

Ausreichend schlafen, sich bewegen, Pausen einlegen und den Alltag nicht bis zur letzten Minute durchplanen: Solche Gewohnheiten können das Wohlbefinden unterstützen. Dafür muss allerdings nicht jede Routine wissenschaftlich aufgeladen oder mit einem Hormonwert verbunden werden.

Genau hier liegt der Widerspruch des Trends. Wer den Morgen minutiös plant, die eigene Erholung ständig kontrolliert und sich über jede Abweichung von der perfekten Routine ärgert, kann sich zusätzlichen Druck schaffen. Aus dem Wunsch nach weniger Stress wird dann ein neues Optimierungsprojekt.

Selbstfürsorge braucht keine Bestnote

Cortisolmaxxing sagt womöglich mindestens genauso viel über unseren Umgang mit Gesundheit aus wie über Hormone. Schlaf, Bewegung und Erholung sollen längst nicht mehr nur guttun, sondern möglichst messbar und effizient sein. Selbst Pausen werden zur Aufgabe, die richtig erledigt werden muss.

Dabei darf Selbstfürsorge unkompliziert bleiben. Ein Spaziergang muss keinen messbaren Hormoneffekt haben, um angenehm zu sein. Und ein Morgen ohne perfekte Routine bedeutet nicht automatisch, dass man etwas falsch macht.

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