Schüsse als Warnung

TikTok-Mafia: Spur führt zum Hannovermarkt

Menschen kaufen unter gelben Sonnenschirmen auf dem Hannovermarkt frisches Obst und Gemüse ein.
© Peter Gugerell
Erst flogen Kugeln, dann folgten massive Drohungen. Hinter der Attacke am Hannovermarkt könnten laut einer "Presse"-Recherche Verbindungen zu einer türkischen Mafia-Gang stecken.
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Neun Schüsse auf einen Marktstand, massive Drohungen und eine Spur zu einer berüchtigten türkischen Gang. Ein Fall am Hannovermarkt in der Brigittenau könnte laut einer Exklusivrecherche der "Presse" Verbindungen zu den sogenannten "Daltons" haben. Die Gruppe ist für Schutzgelderpressung, Wucherzinsen und schwere Gewalttaten bekannt.

In der Nacht auf den 13. Juli wurden neun Schüsse auf den Rollladen eines Fleischstandes am Hannovermarkt abgegeben. Ein Anrainer verständigte noch in den frühen Morgenstunden die Polizei. Projektile hatten den Rollladen durchschlagen und im Inneren eine Scheibe zertrümmert.

Für die Familie des Standbetreibers dürfte die Attacke keine zufällige Tat gewesen sein. Bereits zuvor soll es Drohungen gegeben haben. Wenig später erhielt die Familie laut "Presse" über WhatsApp eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Darin wurde sie aufgefordert, offene Rechnungen zu begleichen. Zugleich wurde mit dem Tod gedroht. Kurz darauf folgte ein Foto von Pistolen. Als Profilbild verwendete der Absender ausgerechnet Don Corleone aus dem Mafia-Klassiker "Der Pate".

Schulden wuchsen auf mehr als eine halbe Million

Der Betreiber des Standes, ein Fleischermeister, schilderte der "Presse", wie er in die Situation geraten sein soll. Vor rund fünf Jahren benötigte er zunächst 100.000 Euro für den Ausbau seiner Geschäfte. Da er nach eigenen Angaben bei einer Bank keinen Kredit bekam, vermittelte ihm ein Bekannter einen privaten Geldgeber.

Die Summe wuchs im Lauf der Zeit auf mehr als eine halbe Million Euro an. Gleichzeitig sollen die Zinsen immer höher und die Rückzahlungsbedingungen immer härter geworden sein. Der Mann übertrug nach eigener Darstellung Immobilien in der Türkei an die Geldgeber. Auch das Haus seiner Familie in Niederösterreich sei ins Visier geraten.

Der Fleischer ist überzeugt, seine Schulden längst beglichen zu haben. Die Gegenseite soll das anders sehen. Später erhielt er über WhatsApp einen angeblichen Schuldschein über 370.000 Euro. Nach Darstellung des Mannes wirkten die darauf abgebildeten Unterschriften und Ausweisdokumente manipuliert. Danach seien die Drohungen immer heftiger geworden.

Name der "Daltons" fällt bei Ermittlungen

Besonders brisant ist eine Spur, die laut "Presse" im Zuge der Zeugenvernehmungen aufgetaucht sein soll. Dabei fiel der Name eines türkeistämmigen Mannes, der als Verbindung zwischen Wien und den "Daltons" gelten soll. Die kriminelle Gruppierung entstand in Istanbul und zählt dort zu einer neuen Generation organisierter Banden. Ihr werden unter anderem Erpressung, Drogen- und Waffenhandel sowie Gewalttaten zugeschrieben. Ihren Namen hat sie von den vier Gaunern aus der Comicserie "Lucky Luke".

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Selbstdarstellung im Internet. Besonders auf TikTok und Instagram inszeniert sich das Umfeld der Gruppe mit Waffen, Luxus und Gewalt. Soziale Medien dienen laut Experten nicht nur der Einschüchterung, sondern auch dazu, neue Mitglieder zu rekrutieren und den Ruf der Gang zu stärken.

Gewaltserie reicht längst über Türkei hinaus

Die Bande soll ihre Aktivitäten in den vergangenen Jahren auch auf mehrere europäische Länder ausgeweitet haben. Türkische Investigativjournalisten bringen Gewalttaten in Georgien, Griechenland, Spanien, Frankreich und Deutschland mit dem Umfeld der "Daltons" in Verbindung.

Besonders Deutschland beschäftigt sich inzwischen intensiv mit der Gruppierung. Dort wurden Geschäfte beschossen, in Berlin kamen bei Angriffen sogar Handgranaten zum Einsatz. Die Berliner Staatsanwaltschaft führt laut der Recherche mittlerweile mehr als 200 Verfahren im Zusammenhang mit Angriffen auf Geschäftsleute aus dem türkisch-kurdischen Umfeld.

Auch sehr junge Täter sollen von der Gang eingesetzt werden. Türkische Investigativjournalisten berichten, dass manche rekrutierte Jugendliche erst 14 Jahre alt seien. Teilweise würden sie für Gewalttaten ins Ausland gebracht und kurze Zeit später wieder in die Türkei zurückkehren.

Ob der Fall am Hannovermarkt tatsächlich Teil dieser Strukturen ist, müssen nun die Ermittlungen zeigen. Das Wiener Landeskriminalamt bestätigt gegenüber der "Presse" laufende Untersuchungen, nennt wegen des Verfahrens aber keine Details. Auch das Bundeskriminalamt verweist auf die laufenden Ermittlungen.

Der betroffene Fleischer hat inzwischen einen Anwalt eingeschaltet. Er will sich nach den Drohungen nicht mehr einschüchtern lassen.

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